Deutschland vermüllt: Können nur noch Gesetze gegen Littering helfen?

0

Wo der Mensch ist, da ist auch Müll. Das ist die traurige Wahrheit. Nicht nur die Vermüllung der Meere, beispielsweise mit Mikroplastik, ist ein zunehmendes Problem, sondern auch die Vermüllung bzw. das „Littering“ der bundesdeutschen Städte. Überall in Deutschland gibt es zahlreiche Flaschencontainer, Mülltonnen und Papierkörbe. Wie kann es also sein, dass dennoch eine Vielzahl deutscher Fußgängerzonen und Parks im Dreck quasi ersticken? Schließlich kostet das „bisschen Müll“ Stadt und Land viel Geld und Personal.

Fakt ist: Der Mensch ist wohl auf Verpackungsmaterialien angewiesen. Die Europäische Union hat daher zum Ziel, dass bis 2030 alle Plastikverpackungen recyclingfähig oder zumindest mehrmals verwendbar sein sollen. Es soll eine Kreislaufwirtschaft vorangebracht werden, in der Materialien, Produkte und Rohstoffe möglichst lange zirkulieren, damit möglichst wenig Abfall entsteht. Doch reichen Gesetze?

Experten wissen: Besonders jüngere Mitbürger pfeifen auf eine adäquate Entsorgung von Müll.

Stadtreiniger wissen, was der Anbruch der warmen Jahreshälfte bedeutet: Die Park- und Straßenmüllsaison beginnt. Denn je wärmer es wird, desto mehr Müll liege auch herum. Schließlich halten sich dann mehr Menschen im Freien auf und mehr Menschen bedeutet auch automatisch mehr Müll. Die Vermüllung der Städte ist leider ein immer ernster werdendes Problem. Burger-Verpackungen, leere Dosen, Eisbecher, Plastiklöffel, Strohhalme, zerknüllte Taschentücher oder Zigarettenkippen – was es auch im Detail ist, die Straßenränder in Deutschland sind voll davon.

Gerade in der Grillsaison sind es vor allem Einweggrills und To-Go-Verpackungen, die in der Umgebung verteilt werden. Neben diesem eher kleineren Müll machen den Städten jedoch auch sogenannte „wilde Müllkippen“ zu schaffen. Im vergangenen Jahr seien in Baden-Württemberg beispielsweise knapp 270 illegale Müllhaufen registriert worden – auf Feldwegen, im Wald oder an Waldrändern. Für die Müllbeseitigung entlang von Autobahnen, Bundesstraßen und Landesstraßen musste das südwestliche Bundesland sogar rund 4 Millionen Euro aufbringen. Woran liegt das?

Der achtlose Umgang mit Abfall nimmt immer mehr zu. Das ist leider eine Tatsache. (#01)

Der achtlose Umgang mit Abfall nimmt immer mehr zu. Das ist leider eine Tatsache. (#01)

Gesellschaft der Verantwortungslosigkeit

Der achtlose Umgang mit Abfall nimmt immer mehr zu. Das ist leider eine Tatsache. Da die Vermüllung, besonders der Großstädte, ein gesellschaftliches Problem ist und gerade in öffentlichen Bereichen ein oft verrohtes Verhalten von Bürgern zutage trete, genügt es nicht, lediglich mehr Mülleimer aufzustellen. Studien der Universität Berlin zufolge machen bei verübten Littering-Fällen Jugendliche und junge Erwachsene einen Anteil von etwa 64% aus. Raucher haben einen Anteil von circa 70% gegenüber Nichtrauchern. Ein Littering-Verhalten kommt, so die Universität Berlin, mit knapp 70% schwerpunktmäßig bei Jugendlichen bis zu 20 Jahren in der Gruppe vor. Über 30-Jährige weisen demnach mit 28% einen wesentlichen geringeren Littering-Anteil in der Gruppe auf.

Das heißt: In jungen Jahren scheint es eher im Trend zu sein, seinen Müll bei Anwesenheit Anderer nicht zu entsorgen. Ferner würden mehr Frauen als Männer Müll unsachgemäß entsorgen und das weitestgehend unabhängig vom Bildungshintergrund.

Der Müll liegt bei einer unsachgemäßen Entsorgung am häufigsten in einer Entfernung von 2 bis 50 Metern zum nächsten Abfallbehälter. Es stellt sich die Frage, warum der Müll nicht vorschriftsgemäß beseitigt wird, obwohl doch ein Mülleimer in unmittelbarer Sichtweite steht. Auch wenn die Wegwerfer ihr Verhalten mit Ausreden wie aus Gründen der eigenen Bequemlichkeit, Gewohnheit und Unachtsamkeit – auch im Angesicht einer bereits vorliegenden Verschmutzung – rechtfertigen, so wissen Experten doch, dass sich mehr hinter Aussagen wie „Es war doch nur ein bisschen Müll“ oder „Das machen doch alle“ verbirgt. Fachleute wissen: Desinteresse, eine fehlende Umwelterziehung und ein mangelndes Verantwortungsgefühl sind die Ursachen der Müllproblematik.

 

Verpackungen sind ferner von der kommunalen Pflicht der Hausmüllüberlassung ausgenommen. Mit diesem Konzept soll dazu beigetragen werden, den Recycling-Anteil von Verpackungen deutlich zu erhöhen. (#02)

Verpackungen sind ferner von der kommunalen Pflicht der Hausmüllüberlassung ausgenommen. Mit diesem Konzept soll dazu beigetragen werden, den Recycling-Anteil von Verpackungen deutlich zu erhöhen. (#02)

Das Kreislaufwirtschaftsgesetz des Bundes

Landet zum Beispiel eine Waschmaschine auf dem Müllplatz, so werden für gewöhnlich nur 10% der Materialien, aus welchen sie besteht, wieder genutzt, wohingegen 90% der Rohstoffe verschwendet werden. Während die Großunternehmen heutzutage knapp die Hälfte ihres Abfalls verkaufen, so tun das zwar auch kleinere Betriebe – jedoch in viel geringerem Ausmaße. Das Übrige landet auf der Müllhalde. Eine effektiv durchgeführte Kreislaufwirtschaft bedeutet daher, dass die Art und Weise, wie die Waschmaschine hergestellt wird, bereits zu Beginn im Sinne ihrer Nachhaltigkeit geplant wird. Werden Produkte aus recyclingfähigem Material hergestellt, so wird später nichts davon verschwendet. Alle Materialien, sei es biologisch abbaubares Material oder Metall, wird wiederverwertet. Hierdurch wird nicht nur die Umwelt entlastet, da begrenzte und teure Ressourcen geschont werden, sondern auch der Geldbeutel der Unternehmen.

Die EU ist bereits dabei, für ihr Kreislaufwirtschaftspaket Milliarden von Euro auszugeben: Nicht nur für die Forschung und Innovationsfindung, sondern auch für die Förderung von kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Hierfür muss jedoch zunächst ein Markt für Abfall und wiederverwertbare Materialien geschaffen sowie weitere Gesetze in den einzelnen Ländern verabschiedet werden. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz des Bundes beispielsweise lässt sich noch ergänzen und konkretisieren durch die jeweiligen Abfallgesetze der Bundesländer. Dieses sieht eine fünfstufige Abfallhierarchie vor.

Es gilt somit folgende Rangfolge unter den Abfallbewirtschaftungsmaßnahmen:

  1. Vermeidung
  2. Vorbereitung zur Wiederverwendung
  3. Recycling
  4. Alternative Verwertung (zum Beispiel energetisch)
  5. Beseitigung

Doch wie wird dies konkret umgesetzt? Die Verpackungsverordnungen VerpackV und VerpackG sind beispielhafte Anwendungen des Kreislaufwirtschaftsgesetzes. Da es das Ziel ist, Verpackungen nach Möglichkeit zu vermeiden oder sie in den Wirtschaftskreislauf zurückzuführen, verpflichtet der Gesetzgeber den Handel dazu, Verpackungen zurückzunehmen und dem Recycling zu übergeben. Verpackungen sind ferner von der kommunalen Pflicht der Hausmüllüberlassung ausgenommen. Mit diesem Konzept soll dazu beigetragen werden, den Recycling-Anteil von Verpackungen deutlich zu erhöhen.

 

Den Deutschen muss endlich klar werden: „Littering ist kein Kavaliersdelikt“, das meint auch Holger Lange, Geschäftsführer der Hamburger Stadtreinigung. (#03)

Den Deutschen muss endlich klar werden: „Littering ist kein Kavaliersdelikt“, das meint auch Holger Lange, Geschäftsführer der Hamburger Stadtreinigung. (#03)

Lösungen und Tricks bei der Müllbekämpfung

Faktor Mensch: Kein Mensch will gemaßregelt werden. Wird er dennoch auf ein bestehendes Gesetz oder Ordnungsprinzip hingewiesen, so kann dies in ihm Reaktanz erzeugen und somit den Wunsch, sich absichtlich ordnungswidrig zu verhalten. Je stärker eine Vorschrift und die wahrgenommene Meinungs- oder Verhaltenseinschränkung eines Menschen ausfällt, desto eher wird dieser Widerstand leisten. Steht auf öffentlichen Abfalleimern, wie dies in Berlin der Fall ist, jedoch „Bitte füttern“, „Häufchenhelfer“, „Kippendiener“, „Museum of modern trash“ oder „Würstchenbude“, so fühlt sich der Bürger in keiner Weise bevormundet und ist eher gewillt, angeregt durch die humoristische Verkleidung der Mülleimer, seinen Beitrag zu einer sauberen Umwelt zu leisten. In Köln führen sogar auf den Gehweg gemalte Fußabdrücke direkt zu Papierkörben. Hier wird der Trägheit des Menschen entgegengewirkt und zumindest die gängige Ausrede über fehlende Mülleimer ungültig.

Auch muss die Eigenverantwortung und das Unrechtsbewusstsein – vor allem der jungen Menschen – in Bezug auf eigenes unachtsames Verhalten gestärkt werden. Ein großer Faktor hierbei: Die Anonymität und ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl. Exzellente Ideen sind beispielsweise die Übernahme von sogenannten Müllpatenschaften. Einzelne Bürger oder ganze Vereine kümmern sich dann um ein Fleckchen Natur, einen Park oder einen Spazierweg und weisen etwaige Verschmutzende zurecht. Ein ebenfalls sinnvoller Lösungsansatz sind die alljährlich vielerorts durchgeführten „Frühjahrsputzaktionen“, an denen Tausende Einwohner, Kindergarten- und Schulkinder und auch Vereine teilnehmen und dabei nicht nur tonnenweise Müll einsammeln sondern auch das Umweltbewusstsein ihrer Schützlinge stärken.

Faktor Produzent: Eine Lösung vor allem gegen den Müll auf öffentlichen Plätzen wäre, Diskotheken und Imbissläden, ebenso wie Anbieter von Großveranstaltungen, dazu zu verpflichten, aufgrund ihrer Herausgabe von potentiellen Müllverursachern, für die Beseitigung des Abfalls selbst verantwortlich zu machen. Werden letztendlich die Hersteller von Produkten für die Verschmutzung von öffentlichen Flächen durch dieselbigen belangbar gemacht und mit Strafkosten konfrontiert, so könnte dies Unternehmen dazu motivieren, alternative Wege des Recyclings zu beschreiten. Die Kosten erstrecken sich länderabhängig derzeit von 5 bis 100 Euro für unbedeutende Produkte, von 20 bis 300 Euro für ätzende oder scharkantige Produkte und von 25 bis 1500 Euro für flüssigen Abfall über 2 Kilogramm oder Liter.

Den Deutschen muss endlich klar werden: „Littering ist kein Kavaliersdelikt“, das meint auch Holger Lange, Geschäftsführer der Hamburger Stadtreinigung. Darum gilt: „Wehret den Anfängen“! Da ansonsten kaum ein Bundesbürger langfristig für mehr Umweltschutz einsteht, sind politische Maßnahmen und Gesetze von herausragender Bedeutung. Nur so kann ein Umdenken in der Bevölkerung nachhaltig bewirkt werden.


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: Xavier MARCHANT  -#01: Andriy Blokhin  -#02: petovarga -#03: Dragon Images

Über 

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

About Author

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

Leave A Reply