Die unsezierte Nation
In Deutschland liegt die klinische Obduktionsrate bei drei Prozent. Damit ist sie eine der niedrigsten weltweit. Zwischen 1980 und 2000 ist sie hierzulande kontinuierlich gesunken.
Die niedrige Sektionsrate muss alarmieren, ist die klinische Sektion doch nicht nur ein wichtiges Instrument medizinwissenschaftlicher Erkenntnis, sondern auch eine entscheidende Grundlage für die Todesursachenstatistik, auf der wiederum gesundheitspolitische Entscheidungen beruhen wie zum Beispiel die Einführung eines Rauchverbotes in öffentlichen Gebäuden und in der Gastronomie. Darüber hinaus beeinflusst das Wissen über Todesursachen die Vergabe von Mitteln im Gesundheitswesen, aber auch für die Forschung. Um die Zuverlässigkeit der Mortalitätsstatistik aufrechtzuerhalten und nicht zu verfälschen, müsste die Sektionsrate bei 30 Prozent liegen.
Unter klinischer Obduktion oder auch Sektion oder Autopsie wird die innere Leichenschau verstanden, also die Öffnung der Leiche, um die Todesursache eindeutig festzustellen oder Erkenntnisse über die Entstehung und den Verlauf einer Krankheit zu gewinnen. Nicht zu verwechseln mit der gerichtlichen Sektion, die auf richterliche Anordnung hin bei einem nicht natürlichen Tod vorgenommen wird.
Obwohl die Ärzte seit langem die „Sektionsmüdigkeit“ der Deutschen beklagen und auf die Folgen verweisen, sind die Ursachen dieses Phänomens keineswegs systematisch untersucht. Nun soll diese Lücke geschlossen werden. In dem von der Volkswagen-Stiftung mit 900 000 Euro finanzierten Forschungsprojekt „Tod und toter Körper. Zur Veränderung des Umgangs mit dem Tod in der gegenwärtigen Gesellschaft“ wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter anderem auch klären, warum in Deutschland kaum noch obduziert wird. In Österreich zum Beispiel liegt die Rate bei 30 Prozent.
„Aber die Fokussierung allein auf diese Frage wäre viel zu eng“, sagt Hubert Knoblauch, Professor am Institut für Soziologie der TU Berlin, und Leiter des Projektes. „Vielmehr wollen wir untersuchen, welche Stellung der Tod in der heutigen Gesellschaft einnimmt. Und am deutlichsten manifestiert sich diese im Umgang mit dem menschlichen Leichnam.“
Die Tabuisierung des Todes wurde und wird der Moderne als ein konstitutives Merkmal zugeschrieben. Ob der Tod noch immer tabuisiert wird und ob zum Beispiel die ablehnende Haltung gegenüber der Sektion genau dafür ein Indiz ist oder sich ganz andere Phänomene dahinter verbergen, werden Wissenschaftler der RWTH Aachen, der Universität Marburg, der ETH Zürich und der TU Berlin aus philosophischer, soziologischer, medizinhistorischer und juristischer Sicht erforschen. „Die zentrale Frage ist, ob sich der Umgang mit dem Tod wirklich verändert hat“, sagt Knoblauch. „Es gibt viele Indizien, die vielmehr auf eine Enttabuisierung des Todes hindeuten wie die öffentlichen Debatten um Sterbehilfe und Organspende. Aber auch die Aids- und Hospiz-Bewegung haben das Sterben und den Tod öffentlicher gemacht. Zudem ist eine Individualisierung der Trauerkultur zu beobachten, die sich in ganz unterschiedlichen Bestattungsformen niederschlägt. Die Fülle an Ratgeberliteratur nicht zu vergessen“, so Knoblauch. Inwiefern diese Indizien jedoch die Schlussfolgerung zuließen, dass sich ein Wandel vollzogen habe beziehungsweise vollziehe und wie dieser Wandel zu beschreiben sei – all dies sei bei dem gegenwärtigen Stand der Forschung völlig offen.
Ist der Leichnam noch als Mensch zu behandeln?
Unter Knoblauchs Ägide läuft das Teilprojekt „Praxis und soziales Wissen der Obduktion“. Hier wird empirisch untersucht, warum in Deutschland so wenige klinische Obduktionen vorgenommen werden. „Wir wollen versuchen, Zugang zu jenen Gesprächen zu bekommen, in denen es seitens des Arztes darum geht, von den Angehörigen eine Erlaubnis zur Sektion zu erhalten. Wir müssen uns Kenntnisse darüber verschaffen, wie Ärzte und Betroffene agieren und reagieren, wie die medizinischen Anforderungen und die Motive, Vorstellungen und Wünsche der Betroffenen, die ihre Einwilligung geben sollen, miteinander ausgetauscht werden. Diese Gespräche sind der Ort, wo über den Umgang mit dem toten Körper verhandelt wird“, erklärt Hubert Knoblauch, der Ende der 1990er Jahre bereits eine erste umfassende und aufsehenerregende Analyse über Menschen mit Nahtoderfahrung vorlegte.
Die Zurückhaltung der Bevölkerung gegenüber der Obduktion steht jedoch in einem merkwürdigen Kontrast zu dem regelrechten „Hype“ in der medialen Darstellung der forensischen Obduktion. Die Geschichten ganzer Kriminalserien sind um die Arbeit des Pathologen gestrickt. „Da tut sich ein interessantes Spannungsfeld auf, das zu ergründen ist“, sagt Knoblauch.
In einem anderen Teilprojekt werden die in Deutschland geltenden gesetzlichen Regelungen zur klinischen Sektion einer Analyse unterzogen, und es wird der Frage nachgegangen, ist der tote Körper noch als Mensch zu behandeln, und wann hört die Behandlung als Mensch auf. Fragen von höchster Brisanz angesichts von Transplantations-, Organspende- und Gewebegesetzen.
Quelle: Pressemeldung Technischen Universität Berlin
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